Ein Held namens Bakhit

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Ein Comic-Held mit einem Anzug im Look der US-amerikanischen Flagge, ein Held mit einem Schild, auf dem in der Mitte ein großer, silberner Stern strahlt. – Richtig, Captain America betritt die Bühne. Der Muskelmann symbolisiert wie kein anderer das zentrale Charakteristikum der US-Politik: „Wir sind der einzige Welt-Staat.“

Seine Ursprünge führen uns zurück bis in die 1940er-Jahre: Die Marvel-Figur war damals Instrument der amerikanischen Kriegspropaganda gegen das Hitler-Regime. Es wurde gekämpft gegen Nazis, es wurde getötet und gerettet – stets im Namen der Nation. Nach dem Weltkrieg begannen die Zeichner damit, Captain America gegen andere Gegner in den Ring zu schicken. Nun waren es logischerweise die Kommunisten, die dem Tode geweiht waren. Die Kinder aus unzähligen Generationen schauten auf zu einem Protagonisten, der durch Propaganda zu jener überdimensional großen Figur wurde, die er damals in den 40er-Jahren war und heute immer noch ist. Selbstverständlich bekam es der „Mann für Amerika“ nach dem 11. September mit arabischen Terroristen zu tun. Ein Muster, das also auch 70 Jahre nach der Erstveröffentlichung immer noch funktioniert.

– Schwenk nach Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Dort kämpft ein Mann gegen Terrorismus, ein Held der Heldenschmiede: Suleiman Bakhit hat erkannt, was den Kindern, den zukünftigen Staatenlenkern im Nahen Osten fehlt. Es sind die Helden; die Figuren, die die Jugendlichen an etwas glauben lassen, das größer ist als der reine Hass auf den Westen und die gleichzeitige Verehrung für extremistische Gruppen. „Seitdem entwirft er mit internationalen Cartoonisten bunte Superhelden im Manga-Stil. Er nennt sie »Captain Zero«, »Naar« oder »Princess Heart«.“ Sie bekämpfen Extremismus, das mächtige Patriarchat und Rassismus. Bakhit verteilt seine Comics in Klassenzimmern und will somit ein neues Werteverständnis einführen. Der Sohn des ehemaligen jordanischen Premierministers geht das Problem des islamistischen Terrorismus an seiner Wurzel an. Er bekämpft die Propaganda des sogenannten IS mit Helden, die für eine freiheitliche und tolerante Gesellschaft stehen.

Ein Kampf, der nicht nur in Jordanien gekämpft werden sollte, sondern auch im Irak, in Afghanistan und den USA. Denn blickt man in der Geschichte des Terrorismus zurück, wird man unweigerlich in den Vereinigten Staaten landen, bei einer Politik, die skrupellos drei Ziele verfolgt: Öl, Geld, Macht. Der unter anderem von der CIA eingefädelte Sturz des demokratischen Ministerpräsidenten Mossadegh im Jahr 1953 im Iran führte zur Diktatur des Schahs und in der Folge zur Islamischen Revolution 1979. Diese wiederum ist Ursprung vieler Probleme – zum Beispiel des Iran-Irak-Kriegs. Auch der Irak-Krieg 2003 darf da natürlich nicht unerwähnt bleiben. All diese Faktoren führten zu einem Erstarken der islamistischen Bewegung, und damit des Terrorismus.

Und genau in diesem Zusammenhang steht ein Protagonist namens Captain America für eine US-amerikanische Politik der Gier. Nur selten schafften es die Comic-Zeichner Figuren zu kreieren, die sich kritisch an die eigene Gesellschaft wenden sollten, die die eigenen Großmachtvorstellungen entlarven sollten. Auch die USA bräuchten Helden wie Suleiman Bakhit und seine bunten Figuren.

Das gegenwort des Tages

gegenwortdestages08.07

Am vergangenen Donnerstag findet im Zeichen der zwischen Dienstag und Donnerstag von Polizisten-Hand getöteten Afro-Amerikaner Alton Sterling und Philando Castile eine friedliche Protestaktion statt. Plötzlich eröffnet ein Heckenschütze das Feuer. Sein Ziel: Die Polizisten – fünf Beamte sterben. Spekulationen über eine Rachetat für die zuvor getöteten Schwarzen wurden am Wochenende bestätigt. Eines kann und muss jedoch hervorgehoben werden: Was sich in den USA abspielt, ist keine unvorhersehbare Tragödie, sondern die traurige Konsequenz des seit Jahren schwelenden Konflikts zwischen Polizei und Afro-Amerikanern. Schwarzen US-Bürgern bleiben kaum Möglichkeiten zum Selbstschutz vor Brutalo-Angriffen von Seiten der Polizisten: „Was bleibt uns sonst für eine Möglichkeit?“, wird eine Protestierende zitiert. „Es ist mittlerweile so weit gekommen, dass wir uns schützen müssen, indem wir mit Videos Recht und Unrecht aufnehmen.“

Genau an dieser Stelle wird ein Problem deutlich, welches bei einer solchen Debatte meist vernachlässigt wird: Die aufgenommenen Videos sind wichtige Beweise, aber nicht der Weisheit letzter Schluss. Im Internet werden vorschnell Urteile gefällt; meist werden die Polizisten zu rassistischen Mördern stilisiert. Dass dies zutreffen kann, steht hier nicht zur Debatte. Nichtsdestotrotz muss man sich stets bewusst sein, dass in etwaigen Videos aus der Perspektive der angeblichen Opfer gefilmt wird. Man erfährt nichts über die Vorgeschichte der Handlungen, man sieht nicht, was nach der Aufnahme vor sich geht. Das beeinflusst, ob man will oder nicht.

Folglich bleibt einem nichts anderes übrig, als daran zu erinnern: Es ist die in den USA allgegenwärtige Präsenz von Colt und Holster, die eine Aura der Gefahr schafft, die Polizisten zu vorschnellen Handlungen verleitet. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Der leichtgemachte Erwerb von Schusswaffen ist und bleibt Kern der Problematik. Durch das Filmen wird ein Beitrag zur Aufklärung  der äußerst brutalen Vorfälle geleistet – aber eben nur ein Beitrag von vielen.

Komm rüber zur „Schachtel C“!

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Ein Gastbeitrag von Maximilian N. (BA Architektur; Master Wirtschaftsingenieurwesen – Vertiefung Immobilienwirtschaft)


 

Das Ortsbild unserer Städte gleicht sich immer mehr. Dieser Trend zur Langeweile lässt sich zumindest bei Wohnbauten in den Neubauregionen der boomenden europäischen Städte beobachten. Schuhkartonähnliche, weiße Gebäuderiegel von 3-5 Stockwerken, uninspirierte Einschnitte, die dann großspurig als „Loggia“ verkauft werden; davor der uniforme Grünstreifen. Hier hausen die Stadtbewohner. Sind die Architekten von heute unkreativ? Oder gibt es doch andere Gründe, warum inzwischen vieles gleich aussieht – ob in Turin oder Hamburg?

Viele Menschen erfreuen sich an Altbauten. Individuelle Fassadenfluchten mit verschiedensten Ornamenten prägen die historistischen Gebiete der Innenstädte. Doch wenn man ehrlich ist, sind diese Gebäude von innen oft eine Zumutung. Langweilige Grundrisse, verhältnismäßig kleine Fenster und energetisch höchst bedenklich. Die Bau- und Bewirtschaftungskosten dieser Gebäude wären unter heutigen Gesichtspunkten und auch Komfortanforderungen schlichtweg untragbar. Bestehende Gebäude werden daher äußerst aufwendig umgebaut und meist als Liebhaberobjekte erhalten und vermietet. Dass sich Architekten und Planer also eher an den Strömungen „form follows function“ oder dem Minimalismus des Deutschen Werkbundes („weniger ist mehr“) orientieren, hat durchaus seine rationelle Berechtigung. Jedes Objekt am Bau hat einen Nutzen. Es gibt keine reinen Ornamente. Allerdings ist auch hier Langweile nicht verpflichtend. So kann ein Sonnenschutz zum Beispiel ein gliederndes Element sein oder eine Stütze durch ihre elegante Schlankheit bestechen. Und gut ausgebildete Architekten wissen das. Woher kommt also die Tendenz zur Langeweile?

Sie kommt – wie so oft – von der Kostenseite. Dass das Bauen und Bewirtschaften von Immobilien in den Innenstädten so teuer geworden ist, hat vielerlei Gründe. Einer davon sind steigende Energiepreise. Auf der Baukostenseite schlagen erhöhte Anforderungen an Schallschutz und vor allem die Energieeinsparverordnung (EnEV) mit teurer Dämmung usw. zu Buche. Aber der Hauptgrund für eine Kostensteigerung im Bauwesen ist der Grundstücksmarkt. Begründet durch die niedrigen Zinsen, die Anleger am Kapitalmarkt erzielen können (10-jährige Bundesanleihe sogar bei negativen Zinsen), suchen viele nach alternativen Anlageformen, die eine ähnliche Sicherheit (wie die Bundesanleihe) bieten. Immobilien in boomenden Städten haben ein vergleichsweise geringes Risiko. Die Nachfrage nach Immobilien steigt also, und somit auch die Nachfrage nach Bauland. Die Preise für Grundstücke machen den größten Anteil an der Erstellung einer Immobilie aus.
Da Grundstückspreise und die gesetzlichen Anforderungen gegeben sind, wird versucht, überall zu sparen, wo es geht. Und eine dieser Möglichkeiten ist die Kubatur des Gebäudes und die Fassadengestaltung. Je einfacher die Geometrie und je weniger Elemente im Bau stecken, desto geringer die Baukosten pro nutzbarer Fläche.

Da der Wohnmarkt in den Innenstädten dermaßen angespannt ist, hat es ein Anbieter, ein Immobilieneigentümer also nicht nötig, sich durch eine schöne Fassade von seiner Konkurrenz abzusetzen. Es kann sowieso alles vermietet werden, was angeboten wird. Die Folge ist, dass wir in einheitlichen Gebäuden untergebracht werden, die sich bestenfalls in der Hausnummer unterscheiden „Schachtel C“.

Die Deutschen haben seit etwa 30 Jahren die Wohnfläche pro Kopf kontinuierlich gesteigert. Haben wir 1970 noch auf 28 m² pro Kopf gewohnt, so sind es 2010 schon über 40. Fläche zu bebauen und zu bewirtschaften, kostet. Wenn wir immer nach „bezahlbarem Wohnraum“ schreien, so müssen wir uns selbst auch hinterfragen: Muss mein Bad wirklich 12 m² groß sein? Reichen für ein Schlafzimmer nicht auch 9 m²? Auch dieser Faktor treibt die Preise, die wir fürs Wohnen ausgeben müssen, massiv in die Höhe. Eine Kostensteigerung von der Nachfrageseite muss also jeder von uns mitverantworten.

Im Gegensatz zu uns Verbrauchern agiert die Wirtschaft mit anderen Präferenzen. Die Büroflächen pro Mitarbeiter verkleinern sich zunehmend; bedingt durch Platzeinsparungen aus der Digitalisierung und durch örtliche Flexibilität der Mitarbeiter. Gleichzeitig wird aus Prestigegründen eine aufregende Architektur nachgefragt. Wer in Zukunft durch die Straßen geht, kann ja mal die Augen offenhalten: Wie viele Wohnneubauten sind spannend? Wie viele Bürogebäude sind ein Blickfang? Wahrscheinlich werden die Bürogebäude eher Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Zusammenfassend stellen wir also fest, dass die Kostensteigerung im Bauwesen durch erhöhte technische Anforderung, durch immens hohe Grundstückspreise und durch unsere eigene Gier nach mehr Wohnraum bedingt ist. Stadtplaner, Architekten und Immobilienentwickler kennen diese Mechanismen und versuchen, an alternativen Modellen zu experimentieren. Diese Modelle machen aber oft auch Abstriche bei der Wohnfläche. Traut euch, zeigt Interesse und nehmt aktiv Teil an den Diskursen und Experimenten. Wer unvoreingenommen als Mieter in eine experimentelle Wohnform einzieht (z.B. Olympiadorf München) und an öffentlichen Bürgerdiskursen mit den Planern teilnimmt, leistet einen wertvollen Beitrag gegen die Verödung unserer Wohnquartiere. Sind diese Experimente erfolgreich, so liefert man den besten Beweis, dass Wohnen nicht unbedingt teuer sein muss.

Das gegenwort des Tages

gegenwortdestages23.06

„Ist sie integriert? Ist er integriert? Bist du … bin ich integriert?“ –

Was da in den letzten Monaten gemacht wird mit einem Wort, gleicht einem Akt der Zerstörung. Von „Integrationsgesetz“ über „Integrationsamt“ bis zum „Integrationskurs“, all das klingt eher nach einem „zerintegrieren“, als nach realistischen politischen oder gesellschaftlichen Maßnahmen.

Wie Jürgen Wertheimer letzten Donnerstag in der Süddeutschen Zeitung herausgestellt hat, scheint für die Politik folgende Möglichkeit gar nicht mehr zu existieren: „Vielen Flüchtlingen geht es um Rückkehr, nicht um Integration.“ Und irgendwie schwingt bei einem solchen Integrations-Begriff stets mit, dass sich das vermeintlich „Fremde“ zu assimilieren hat – und zwar mit eine Menge an lernerischem und bürokratischen Aufwand. Doch im Gegensatz zu Wertheimers Einschätzung, muss man ehrliche Integration nicht als „Kapitulation vor den externen Problemen der Welt“ sehen.

Da lohnt ein Blick auf ein Berliner Projekt: An der Kiron University wird Einwanderern angeboten, was an anderen Universitäten unmöglich zu sein scheint. Ohne Dokumente, ohne Deutschkenntnisse können Flüchtlinge hier die Gelegenheit ergreifen und einen universitären Abschluss machen. Erst nach vier erfolgreichen „Online-Semestern“ – das Studium im Netz steht für größtmögliche Flexibilität – wird der Wechsel an eine Universität mit Präsenzkursen vollzogen. Hier müssen die Studiendokumente dann nachgereicht werden.

Solche Vorstöße assimilieren nicht, sondern integrieren. Sie helfen den Geflüchteten, den Alltag in einem fremden Land sinnvoll zu bewältigen. Sie vermitteln spielerisch und ohne großen bürokratisch Zwang, für was eine westliche Gesellschaft stehen kann: Nämlich für die Freiheit, hier in Deutschland oder auch zurück im von Krieg gebeutelten Heimatland Bildung für einen guten Zweck einzusetzen.

Wohin mit den Fahnen?

Karte Globus

Eine Europameisterschaft ohne Schwarz-Rot-Gold ist für die meisten Fußball-Fans unvorstellbar – nicht nur, weil eine EM ohne Deutschland wohl an eine nationale Katastrophe grenzen würde. Internationale Fußballturniere sind eben auch eine Gelegenheit, im Stadion und auf der Straße zu seinem Land Farbe zu bekennen. So gehört die deutsche Flagge wohl zum Standardrepertoire eines jeden Anhängers der Nationalmannschaft und ist von keinem Public Viewing wegzudenken. Mitten in diesem Fußballrausch war der Aufschrei daher natürlich groß, als die Grüne Jugend Rheinland-Pfalz mit ihrer Forderung, die Flagge doch mal zu Hause zu lassen, scheinbar die Party crashen wollte.

„Spaßbremsen“, „Miesepeter“, „weltfremd“ – die öffentliche Antwort fiel weitestgehend eindeutig aus. Nun ist die Aussage „Patriotismus = Nationalismus – Fußballfans Fahnen runter!“ wohl in der Tat sehr plakativ und passt zum Bild der Verbotspartei, das sich besonders im bürgerlichen Lager für die Grünen festgesetzt hat. Prinzipiell unrecht haben sie aber nicht, denn Patriotismus von Nationalismus komplett loszulösen ist nicht nur falsch, sondern wäre auch fahrlässig.

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) definiert Patriotismus als „eine besondere Wertschätzung der Traditionen, der kulturellen und historischen Werte und Leistungen des eigenen Volkes.“ Soweit klingt das alles noch harmlos. Doch wenn von Deutschland die Rede ist, meinen wir eben einen Nationalstaat, mit einer Flagge und einer Hymne als nationale Symbole. Sie sind alle Teile eines nationalen Mythos über das, was das deutsche Volk im Kern zusammenhalten soll – und was es von anderen unterscheidet. Die Logik von Nationalstaaten setzt immer voraus, dass es ein Wir gibt, das sich von einem Sie abgrenzt.

Bei der bpb heißt es weiter: „In einem negativen Sinne kann [Patriotismus] zu nationaler Arroganz, Chauvinismus und übersteigertem Nationalismus führen.“ Ein zu großer Stolz auf das Wir des Nationalstaates impliziert eine gefühlte Überlegenheit gegenüber den anderen und liefert einen fruchtbaren Nährboden für Nationalismus. Dass es damit auch im Fall der Fahnen-Debatte nicht zu weit hergeholt ist, zeigt sich an den zwar wenigen, aber umso hässlicheren radikalen Reaktionen, die sie hervorgerufen hat: Bezeichnungen wie „Volksverräter“, „linksgrünversifftes Gesindel“ und Morddrohungen musste sich die Grüne Jugend in den vergangenen Tagen gefallen lassen.

Die große Mehrheit der Fans wird mit solchen Aussagen sicherlich nichts zu tun haben wollen, und doch verbergen sie sich im selben Fahnenmeer. Schwarz-Rot-Gold zu tragen ist deshalb nicht falsch oder verwerflich, doch ein Bewusstsein für die Bedeutung nationaler Symbole und die Folgen ihrer übertriebenen Wertschätzung ist durchaus wichtig.

„Im positiven, zeitgemäßen Sinne kann [Patriotismus] als Bekenntnis zu den demokratischen Grundlagen der Gesellschaft und zur Verteidigung der Grund- und Menschenrechte verstanden werden“, lautet der letzte Satz der bpb-Definiton. Wer so empfindet, sollte das auch dringend zeigen, um sich von nationalistischen Gedanken und Morddrohungen gegen Andersdenkende klar abzugrenzen. Denn solange es dieses hässliche Gesicht des Patriotismus gibt, ist es umso wichtiger, ein Gemeinschaftsgefühl zu prägen, das ein Wir sucht, das uns allen zugrunde liegt.

 

 

Muhammad Ali – The greatest of all time

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Ein Gastbeitrag von Parham K.


Es war 1996, die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in den USA. Die olympische Fackel war nach einer langen Reise fast am Ziel angekommen und sollte nun im Stadion von Atlanta die olympische Flamme anzünden. Janet Evans, Mitglied der Schwimm-Staffel der USA, läuft mit der Fackel in der Hand die letzten Meter Richtung Bühne, bleibt stehen, dreht sich um und hebt stolz ein letztes Mal die Fackel in die Luft. Unter dem Jubel von 85.000 Zuschauer im Stadion und über drei Milliarden vor den Fernsehschirmen weltweit. Doch es wird nicht Evans sein, die die Olympischen Spiele einleitet: Plötzlich, fast unauffällig, tritt ein älterer Mann am rechten Rand der Bühne hervor und bewegt sich langsam zu Evans. In der einen Hand hält er eine Fackel, die andere zuckt unkontrolliert. Sein Auftritt war nicht angekündigt, so gut wie niemand wusste davon. Es geht zuerst ein Raunen durch das Stadion, danach kollektiver, frenetischer Jubel, als er sich seine Fackel anstecken lässt und in den Nachthimmel von Atlanta streckt. Er ist von seiner Parkinson Krankheit schwer gezeichnet, sein Körper zittert unaufhörlich, dennoch grinst er in seiner eigenen Art breit in die Kameras. Viele auf der Tribüne fangen an zu weinen, auch US-Präsident Bill Clinton. Auf den Monitoren des Stadions blinkt in goldener Schrift: Muhammad Ali, Gold Medalist, Boxing, 1960.

Es ist auch bis heute eine der berührendsten Momente von Olympia. Muhammad Ali war zu diesem Zeitpunkt in Vergessenheit geraten. Seine so gigantische Karriere nahm ein unrühmliches Ende. 1980 stieg er gegen Larry Holmes in den Ring, obwohl er damals alles andere als gesund war. Eigentlich hatte Ali seine Karriere schon längst beendet, war körperlich am Ende. Drei Jahre zuvor hatte sein langjähriger Doktor den Dienst quittiert, er fürchtete, Alis Nieren würden sich auflösen und forderte vom Boxchampion um seiner kritischen Gesundheit Willen in den Ruhestand zu gehen. Doch Ali weigerte sich, ignorierte alle Warnungen; und wurde von Holmes im Ring auseinandergenommen. Silvester Stalone, der den Kampf live verfolgte, sagte später, Ali gegen Holmes sei wie eine Autopsie an einem Lebenden gewesen. Und dass obwohl Holmes, der früher noch als Sparringpartner für den Champion arbeitete, sich deutlich zurücknahm. Er wollte sein Idol, Muhammad Ali, nicht zerstören.

Bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 1984 wurde Ali nicht einmal eingeladen, im selben Jahr, in dem bei ihm Parkinson diagnostiziert wurde. In der Zeit vor Atlanta zog sich der Boxer zurück, schien verbittert, krank, sogar Gerüchte machten die Runde, er verweigere die Einnahme seiner Medikamente. Die Legende war tief gefallen, vergessen von der Welt. Doch wie aus dem Nichts erhob sich Ali plötzlich, der vergessene Champion präsentierte sich und seine Krankheit der Öffentlichkeit, stolz und mit Würde, bei der größten Sportveranstaltung der Welt. Ein magischer Moment.

Olympia war auch für Ali besonders: Dort gewann er als 18 Jähriger seinen ersten großen Titel. Später, so lautet ein hartnäckiges Gerücht, habe er aus Frust, nachdem ihm aufgrund seiner Hautfarbe der Eintritt in ein Restaurant verweigert wurde, seine Goldmedaille in den Ohio River geschmissen. Auch das ist Muhammad Ali gewesen, eine politische Stimme, eine moralische Instanz. Neben seinen sportlichen Erfolgen ist es das, was am lautesten nachhallen wird. Er war ein mutiger Mann, nicht nur als Boxer, sondern insbesondere als Mensch, als schwarzer Bürger in den USA der 60er und 70er Jahre.

Das Boxen habe Muhammad Ali aus Wut angefangen, nachdem ein weißer Junge einen Schwarzen aus seinem Viertel tötete und dafür ungestraft davon kam. Den Namen seines Vaters, Cassius Clay, seinen „Sklavennamen“, wie er sagte, legte er mit Anfang 20 ab. In dieser Phase seines Lebens konvertierte Ali zum Islam und trat der umstrittenen „Nation Of Islam“ bei. Er wurde zunächst ein glühender Anhänger von Malcom X, bis er mit diesem jeglichen Kontakt abbrach. Dennoch bestritten beide, getrennt voneinander, den gleichen Weg der Mäßigung und legten ihre anfängliche Radikalität ab. Ali sprach dennoch nie wieder mit seinem früheren Mentor. Dessen Ermordung 1965 traf ihn schwer.

Später avancierte Muhammad Ali zu einer Ikone der Bürgerrechtsbewegung. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere als der Vietnam-Krieg tobte, verweigerte er seinen Militärdienst und wurde dafür verurteilt. Er verlor alle Titel und seine Boxlizenz; damit viel Geld und drei gute Jahre. Sogar eine Gefängnisstrafe wurde ihm angedroht, dennoch blieb Ali standhaft. Er wollte keinem Land dienen, dass ihn nicht als vollwertigen Bürger akzeptiert.

Muhammad Ali wurde Zeit seines Lebens getrieben von der alltäglichen Ungleichheit in seiner Heimat, vielleicht kam daher sein politischer Sendungswille und Bewusstsein gegenüber Ungerechtigkeit. Das macht ihn bis heute zu einem Ausnahmesportler, zu jemanden, der mehr ist als nur ein Sportler: Ali ist Symbolfigur und Autorität. Er besuchte Flüchtlingslager im Libanon und später weltweit, traf 1990 Iraks Diktator Saddam Hussein und veranlasste die Freilassung von 15 Gefangenen, kurz nach dem 11. September predigte er von religiöser Toleranz vor den Ruinen des World Trade Centers, sagte, Flüsse, Meere und Seen tragen verschiedene Namen, aber in allen sei Wasser. So sei es auch mit Religionen, die alle die einzige Wahrheit enthalten. Nach den Anschlägen von Paris veröffentlichte Ali ein Statement und forderte die Muslime auf, sich gegen radikale Fanatiker zu erheben, die den Islam ausnutzen. Trotz seiner fortschreitenden Krankheit blieb er eine aktive Figur. Zahlreiche Preise zeugen von Alis Engagement. 2012 erhielt er den Liberty Award, als erster Sportler überhaupt.

Von heutigen Sportlern, die von der Ausbeutung der Arbeiter im Zuge der WM-Vorbereitungen in Katar über die Skandale der FIFA alles beflissentlich ignorieren, hebt sich Muhammad Ali deutlich ab. Er zeigte, dass Sportler nicht automatisch politisch quietistisch sein müssen, dass sie eine eigene Meinung haben dürfen, streitbar sein können, laut sein können. Deswegen, auch deswegen, wurde und wird er als der Größte, the greatest, genannt. Ein Boxer, der mehr war wie ein Boxer. Ein Symbol, eine Ikone, eine Institution.

Alis Biograf und enger Freund Thomas Hauser veröffentlichte heute einen Nachruf im Guardian. Dort erzählt er folgende Geschichte: 1991 war Hauser mit Ali in England bei einem PR-Event. Es war ein anstrengender Tag für den Champion, sein Parkinson machte sich an diesem stärker bemerkbar als sonst. Seine Stimme flackerte, sein Gesicht verkrampfte. Dennoch empfing er Anhänger und Fans, sprach mit ihnen. Eine Frau mittleren Alters brach angesichts Alis schlechten Zustand in Tränen aus, als sie sich ihm näherte. Er beugte sich zu ihr, küsste ihre Wange und sagte: Sei nicht traurig, Gott hat mich gesegnet. Ich hatte ein gutes Leben; und es ist immer noch gut. Ich genieße es momentan. Die Frau konnte danach wieder lächeln.

Ein bisschen geil!

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„Ist der Mensch pornosüchtig?“, so lautete der Titel der SZ-Sexkolumne vom 9. Mai. – „Glaubt man bei der Süddeutschen Zeitung ernsthaft noch, eine solche Frage stellen zu müssen?“, würden wir kontern. Wenn die Menschheit 4,392 Milliarden Stunden an Pornografie pro Jahr konsumiert, dann dürfte doch auch einiges davon in der Münchner Redaktion ankommen.

Aber Spaß beiseite, denn der Mensch ist pornosüchtig. Er sieht und hört, er spult vor und wiederholt, er pausiert und macht weiter. Er öffnet Tab um Tab, sammelt sich seine Lieblings-Ausschnitte, er speichert und versteckt, er verschleiert und löscht. Denn: Wer darf schon wissen, welche schrecklichen Fetische man vor dem Bildschirm auslebt?

Was zu Anfang der Porno-Welle vermutet wurde, erweist sich aber meist als Fehlschluss: Wer Sex-Filmchen schaut, lebt das dort Dargestellte meist nicht aus. Pornos führen nicht zu einer Verrohung unserer sexualisierten Gesellschaft. Zwar kann es im extremsten Fall so weit gehen, dass der Süchtige nur noch vor dem Bildschirm sexuell aktiv wird – wir wollen hier aber nicht über die Ausnahmen sprechen, sondern über die Regel. Und die hat, wie bereits hervorgehoben, mehr geschaute Porno-Laufzeit auf ihrem Rechner, als es unsere Spezies überhaupt auf dieser Welt gibt. Über 500.000 Jahre Porno, da schaut der Homo Sapiens alt aus – mit seinen nachgewiesenen 200.000 Jahren.

Doch irgendwann muss man sich dann doch die Gretchen-Frage stellen: Was ist überhaupt ein Porno? Der 14-Jährige bestaunt zum ersten Mal weibliche Brüste, der Schuh-Fetischist blickt verstohlen auf Damenbeine in Highheels, der Zoophile wird bei Pferden ganz wuschig, der Gartenzwerg-Liebhaber ist heiß auf Kleine mit roten Käppchen. Für den einen ist „Shopping Queen“ eine sexy Sache, für den anderen die Gartenbau-Sendung am Nachmittag. Begriffliche Trennungen zwischen Soft-Porno oder Erotikfilm liegen schlicht und einfach nur in der Unmittelbarkeit der dargestellten Sexualität begründet. Alles scheint für irgendwen etwas sexuell Anregendes, etwas Pornografisches zu haben.

Wen schert’s. Lasst uns weiter kräftig unsere ganz eigenen Schmuddel-Filmchen gucken!

Das gegenwort des Tages

gegenwortdestages24.05

Und mal wieder wurde zugeschlagen. In den USA, aus über 10.000 km Entfernung wurde von Präsident Obama der Befehl gegeben, per Drohne den Tod des Taliban-Führers Mansour zu besiegeln. Ob ranghohe Al-Qaida- oder IS-Terroristen, ob Taliban-Führer, die Vereinigten Staaten machen das, was sie am besten können: ihrem Selbstanspruch als „Welt-Polizei“ gerecht werden.

Mit dem von den Amerikanern oft gescholtenen, von den meisten Europäern verehrten US-Präsidenten Barack Obama will man eigentlich nicht so gern die unsympathisch allumfassende, sich für alles zuständig fühlende Großmacht der „White Stripes“ verbinden. Und doch könnte man konstatieren, dass die USA bis zu einem gewissen Grad nüchterner, realistischer und weniger rücksichtslos als zu Bush-Zeiten ist.

Was nun als „wichtiger Meilenstein“ des Friedensprozesses mit Afghanistan hingestellt wird, ist zur reinen Formalität verkommen. Die USA befehlen, haken ab und weiter geht’s. Obama scheint noch ein paar letzte große Namen aus der Terror-Welt sammeln zu wollen, damit er nicht mit einem zu weichen Lächeln an den Wänden des Weißen Hauses hängen bleibt.

Doch was eigentlich klar sein sollte, muss anscheinend immer wiederholt werden: Auch die Taliban sind in ihrer Machtstruktur schlicht und einfach nicht aufgebaut wie ein Videospiel. Hat man den Endgegner geschlagen, ist nicht die Welt gerettet, sondern es wachsen ganz viele kleine „Bowser“ nach. Bei den Taliban könnte nun einer der Militär-Kommandanten nachrücken z.B. Sirajuddin Haqqani. Ein weiterer Name für Obamas Portfolio – mehr nicht.

Freihandel á la carte

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Schon wieder TTIP. Inzwischen wirkt das Freihandelsabkommen wie ein schlechtes Kantinengericht, das alle paar Wochen auf den Tisch kommt und einen faden Beigeschmack von Chlor-Hühnchen hinterlässt. Doch statt der üblichen Blindverkostung können die rund 800 Millionen betroffenen Bürgerinnen und Bürger auf beiden Seiten des Atlantiks nun einen Blick auf den Teller vor ihnen werfen: Die TTIP-Leaks zeichnen ein ebenso beeindruckendes wie übelkeitserregendes Bild der Verhandlungen um das Freihandelsabkommen. Es zeigt sich nun, wie groß der Druck der USA auf die EU tatsächlich ist.

Es scheint also, als hätte ein Insider in der Europäischen Kommission genug von den Versteckspielen gehabt und deshalb einige geheime Dokumente an die Öffentlichkeit weitergegeben. Laut Diplomatenhandbuch ist das natürlich der Super-Gau – eine informierte öffentliche Opposition macht das Verhandeln eben um einiges schwerer. Es ist also gut möglich, dass die ohnehin schon zähen Gespräche noch weiter auf Glatteis geraten. Es könnte aber auch eine Chance für die EU sein, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen und klare Linien zu ziehen, die sie nicht bereit ist zu überschreiten.

So groß die Wirkung der Veröffentlichungen in der EU auch war, in den USA haben sie kaum Wellen geschlagen. Überhaupt scheinen die Amerikaner an dem Stand der Verhandlungen nur wenig interessiert zu sein – vielmehr ist die Öffentlichkeit mit der zeitgleich verhandelten Trans-Pacific Partnership (TPP) zwischen den USA, einigen südamerikanischen und asiatischen Staaten sowie Australien beschäftigt. Denn hier sind es die US-Bürger, die sich vor der Absenkung ihrer Richtlinien fürchten und ihre Skepsis dem Abkommen gegenüber öffentlich äußern. Zwar könnten auch durch TTIP einige amerikanische Standards fallen, hauptsächlich müsste aber wohl die EU ihre Richtlinien anpassen.

Ohne öffentliche Opposition gegen TTIP gibt es auf der amerikanischen Seite nach den Veröffentlichungen nur wenig Grund die Verhandlungsstrategie zu ändern. Andersherum könnte die EU sich jedoch den erneut erstarkten öffentlichen Druck in den eigenen Reihen zu Eigen machen und die öffentlichen Forderungen zum Gegenstand der Verhandlungen machen. Wenn die Europäische Kommission klarstellt, dass ihr durch ihre Mitgliedsstaaten und deren Bürger die Hände in den Verhandlungen gebunden sind, zwingt das die amerikanischen Seite zu Zugeständnissen. Der Französische Präsident François Hollande liefert dafür bereits eine Steilvorlage, indem er TTIP mit Hinblick auf die kommenden Präsidentschaftswahlen zum Wahlkampfthema macht und klarstellt, er werde für „unsere Landwirtschaft, unsere Kultur, für wechselseitigen Zugang zu öffentlichen Aufträgen“ keine Einschränkungen dulden.

Doch selbst wenn die EU alle ihre Standards durchsetzen könnte, gäbe es noch einen zentralen Streitpunkt, der TTIP-Kritikern Bauchschmerzen bereitet: die privaten Schiedsgerichte. Die grundsätzliche Idee dahinter ist, eine private, (idealerweise) unabhängige Kommission einzusetzen, die in Streitfragen zwischen teilnehmenden Staaten entscheiden soll. Im Klartext bedeutet das jedoch auch, dass internationale Konzerne Staaten verklagen können, wenn nationale Gesetze ihren Zugang zum jeweiligen Markt einschränken. Und obwohl das äußerst undemokratisch klingt, ist das bei anderen Freihandelsabkommen bereits Praxis. Bei einem so umfangreichen Abkommen wie TTIP könnte ein derartiges Schlupfloch für Konzerne jedoch ganz neue Ausmaße annehmen und unvorhersehbare Folgen bergen. Selbst Sigmar Gabriel, wohl einer der größten TTIP-Fans, machte klar, dass zumindest private Schiedsgerichte mit ihm nicht zu machen seien. Und gerade hier könnte das immer größer werdende Misstrauen der Bevölkerung ein gutes Argument sein, das man in den Verhandlungen ins Feld führen könnte.

Natürlich sind die wirtschaftlichen Vorteile von TTIP nicht von der Hand zu weisen. Fraglich ist jedoch der Preis, den unsere Demokratie und unsere Standards dafür zahlen müssen. Die Verhandlungen sind nun an einen Punkt gekommen, an dem die EU diese Abwägung machen muss. Sollte die Europäische Kommission den Ton in den Verhandlungen tatsächlich verschärfen, birgt das natürlich das Risiko, das Abkommen gänzlich scheitern zu lassen. Doch hinsichtlich der massiven Veränderungen, die TTIP für den europäischen Wirtschaftsraum bergen könnte, wäre das möglicherweise noch das kleinste Übel.

 

1500,- € auf die Hand!

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Was würden Sie tun, wenn Sie 1500,- Euro mehr im Monat zur Verfügung hätten? Öfter verreisen? Shoppen gehen? Oder doch für die Traumwohnung oder das Traumhaus sparen? So oder so, es wäre eine feine Sache. Für die Schweizer könnten diese 1500,- € (ca. 1600 Schweizer Franken) zusätzlich im Monat bald Realität werden. Im Juni stimmen sie über das sogenannte bedingungslose Grundeinkommen ab. Egal welcher Job, egal ob Kind, Erwachsener oder Rentner, alle erhalten ohne Abzüge umgerechnet 1500,- € im Monat zusätzlich zu anderen Einkünften. Auch in Deutschland gibt es die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) schon lange, bisher konnte sie sich aber nicht durchsetzen.

Was aber sind die Folgen einer solchen Finanzspritze? Um dieser Frage nachzugehen, hat sich der Verein „Mein Grundeinkommen“ dazu entschlossen, mittels Crowdfunding ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1000,- € im Monat an die Gewinner einer Verlosung für ein Jahr auszuzahlen. Die Erfahrungsberichte der Menschen veröffentlichen sie dann auf ihrer Internetseite www.mein-grundeinkommen.de. Dort berichten viele von einem unbeschwerteren Leben. Endlich sei es möglich, auch die etwas teureren Bio- oder Fairtrade-Produkte zu kaufen. Außerdem müssten sie nicht mehr in die Arbeit gehen – sie dürften. Eine ganz neue, positivere Einstellung zum Beruf sei das, ein Effekt, der eine Leistungssteigerung bewirke.

Aber fällt dadurch nicht der Anreiz weg, überhaupt zur Arbeit zu gehen? Eine Frage, die durchaus ihre Berechtigung hat. In einer Zeit des rasanten, technologischen Fortschritts und der Digitalisierung, durch die immer mehr Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzt werden können, ist das BGE als finanzielle Absicherung aber durchaus ein zukunftsorientiertes Modell.

Auch bildungspolitisch gesehen wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen ein Segen. 1000,- € im Monat, die die Eltern für ihre Kinder bzw. die Kinder selbst voll in ihre Bildung investieren könnten. Sicher auch langfristig ein sehr positiver Effekt für die ganze Gesellschaft.

Stellt sich nur die Frage, die bei den Gegnern des BGE immer im Mittelpunkt steht: die Frage nach der Finanzierung. Es ist zweifellos entscheidend, ob das BGE überhaupt in einer Gesellschaft funktionieren kann. Die Schweiz oder auch die Mitglieder von „Mein Grundeinkommen“ haben dazu verschiedene Modelle entwickelt. Orientiert man sich an diesen, würde das für Deutschland vereinfacht folgendes bedeuten:

Wenn man jedem der 81 Millionen Bundesbürger 1000,- € Euro monatlich zahlt, benötigt der Staat eine Summe von rund 1 Billion Euro jährlich. Ein erster Teil könnte zum Beispiel durch den Wegfall von Verwaltungseinrichtungen, die den bisherigen Sozialtransfer mit erheblichem Verwaltungsaufwand regeln, finanziert werden. Die Abwicklung von Hartz IV-Verfahren beispielsweise ist sehr kostspielig. Hartz IV selbst würde selbstverständlich auch gestrichen und in die Finanzierung des BGE gesteckt werden. Der größte Teil (ca. 700 Milliarden) käme aus den Sozialleistungen wie Kindergeld, Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, usw. Auch diese Kosten würden wegfallen. Den Rest (ca. 200 Milliarden) müsste man durch Steuererhöhungen eintreiben, zum Beispiel bei der Mehrwertsteuer.

Viele Gegner argumentieren damit, dass diese Rechnung viel zu einfach wäre. In Wahrheit sei alles viel komplexer und erst recht nicht realisierbar. Wenn aber ein Land wie die Schweiz nun wirklich per Volksabstimmung über einen solchen gravierenden Einschnitt abstimmt, müsste dieser auch in seiner Komplexität nicht doch einigermaßen tragfähig sein? Die Schweizer haben nun jedenfalls bis zum 5. Juni Zeit, sich Gedanken zu machen, ob sie ihr bedingungsloses Grundeinkommen möchten oder nicht – mit allen Vor- und Nachteilen.